Aufgeschlagene Handschrift mit verzierten Rändern und Randzeichnungen

Was ist die historisch-kritische Methode?

Die historisch-kritische Methode umfasst verschiedene Werkzeuge der Exegese, also der Auslegung biblischer Texte. Sie ist kein einzelnes Verfahren, sondern eine Folge von Fragen, die an den Text gestellt werden. Jede richtet sich auf eine andere Stufe seiner Geschichte: auf die handschriftliche Überlieferung, seine Entstehung aus verschiedenen Schichten oder das Umfeld, in dem er gebraucht wurde.

Gesucht wird der Sinn, den der Text zur Zeit seiner Entstehung hatte. Spätere Lesarten werden dabei nicht verworfen, sondern als eigener Forschungsgegenstand betrachtet. Gegenüber dem Glauben bleibt der Ansatz neutral: Er beschreibt den Text und seine Geschichte, ohne den religiösen Inhalt zu bewerten. Für Leserinnen und Leser bedeutet das, dass jeder Schritt eine andere Frage beantwortet. Keiner kann die übrigen ersetzen.

Textkritik und Literarkritik: von der Handschrift zu den Schichten

Am Anfang steht die Textkritik. Sie vergleicht Handschriften, um den vermutlich ältesten Wortlaut zu rekonstruieren. Das ist nötig, weil keine Originale vorliegen und die Abschriften voneinander abweichen. Gewissheit kann die Textkritik nicht versprechen. Sie benennt vielmehr die Variante, für die die besten Gründe sprechen. Damit schafft sie die Grundlage für alle weiteren Schritte, denn diese setzen einen festgestellten Wortlaut voraus.

Es folgt die Literarkritik zusammen mit der Redaktionsgeschichte. Beide zeichnen nach, wie ein Text aus verschiedenen Schichten entstanden ist. Sie zeigen, dass viele Bücher weder in einem Zug noch aus einer Hand stammen. Eine solche Analyse führt zu einer Forschungshypothese, die an weiteren Abschnitten geprüft wird. Die historisch-kritische Methode versteht ihre Ergebnisse somit als Schlussfolgerungen, die sich überprüfen und korrigieren lassen.

Formgeschichte und weitere Schritte

Die Formgeschichte untersucht die Herkunftssituation und die Gattung eines Textes. Handelt es sich etwa um ein Lied, eine Rechtsbestimmung oder eine Erzählung? Unter welchen Umständen wurde ein solcher Text gebraucht? Der von Gunkel geprägte Begriff „Sitz im Leben“ bezeichnet diesen historischen Ort, nicht das persönliche Erleben eines Verfassers. Indem die Formgeschichte den alltäglichen Gebrauch des Textes erschließt, ergänzt sie Textkritik und Literarkritik.

Zu den üblichen Schritten zählen außerdem Kanonkritik, Traditionskritik, Auslegungsgeschichte und Hermeneutik. Die Kanonkritik fragt, wie die Bücher gesammelt und geordnet wurden. Die Traditionskritik sucht nach älteren Überlieferungen hinter dem Text. Auslegungsgeschichte und Hermeneutik befassen sich dagegen damit, wie der Text später gelesen wurde und wie er heute zu verstehen ist.

Krise der Methode und weiterführende Literatur

Aaron Schart beschreibt eine gegenwärtige Krise der Methode. Häufig gilt sie nur noch als eine von mehreren gleichwertigen Methoden und nicht mehr als gemeinsame Grundlage der Forschung. Er spricht sich jedoch dafür aus, sie weiterzuentwickeln, statt sie aufzugeben. Ihre Werkzeuge sollen verbessert werden, ohne die Frage nach der Geschichte des Textes fallen zu lassen. So bleibt die historisch-kritische Methode auch für diejenigen ein Bezugspunkt, die ihr mit Vorbehalten begegnen.

Wer sich eingehender informieren möchte, findet einen guten Einstieg in der kompakten Einführung in die Methoden der alttestamentlichen Exegese von Köhlmoos, erschienen 2005 in Tübingen.